ERKRANKUNGEN UND THERAPIEN - MULTIPLE SKLEROSE (MS)
 

Behandlungsmöglichkeiten - Basistherapie
Ist eine Basistherapie bei Ihrem Verlauf der Multiplen Sklerose sinnvoll, bekommen Sie von uns Informationsbroschüren über die jeweiligen Medikamente.

Die Basistherapie ist generell erst einmal als eine Dauertherapie zu verstehen. Dass heißt, Sie spritzen die Medikamente über Jahre. Deshalb sollten Sie sich vorher Gedanken machen, welches der folgenden Medikamente am besten zu Ihnen und Ihrem Tagesablauf passt.

Die Wirkstoffe würde, wenn man sie als Tablette einnehmen würde, verdaut, ehe sie überhaupt wirken könnten. Deshalb werden Interferone (Avonex®, Betaferon®, Extavia® und Rebif®) oder Glatirameracetat (Copaxone®) unter die Haut (subcutan, s.c.) bzw. in den Muskel (intramuskulär, i.m.) gespritzt.


Interferone (Avonex®, Betaferon®, Extavia® und Rebif®) sind Proteine (Eiweiße), die von unterschiedlichen Zellen des Körpers unspezifisch, also auf verschiedenste Reize hin freigesetzt werden. Sie können je nach Klasse entweder eine Verstärkung oder eine Hemmung diverser Immunreaktionen bewirken. Da sie antivirale, also gegen Viren gerichtete Aktivitäten entfalten und man früher von Viren als wichtige Ursache von der Multiplen Sklerose ausging, testete man verschiedene Interferone auf ihre Wirksamkeit. Interferone der Klasse ß erwiesen sich als geeignet, um bei Multipler Sklerose die Entzündungsaktivität zu hemmen, die Anzahl der Schübe zu mindern und so das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.

Interferon beta-1b und Interferon beta-1a sind zur Behandlung der Multiplen Sklerose zugelassen und können die jährliche Schubrate gegenüber dem natürlichen Krankheitsverlauf um ca. ein Drittel senken. Günstig beeinflusst werden auch die Schwere des einzelnen Schubs, sowie die Zahl der durch Kernspintomographie nachweisbaren Entzündungen ("Läsionen") in Gehirn oder Rückenmark.


Glatirameracetat (Copaxone®) ist eine immunmodulierende Substanz ganz anderer Art, dessen Entwicklung unmittelbar mit der Erforschung der Grundlagen von Multipler Sklerose in Zusammenhang steht.
Glatirameracetat wird synthetisch aus den natürlichen Aminosäuren Alanin, Glutaminsäure, Lysin und Tyrosin gewonnen, sie sich bei der Herstellung zu Molekülen unterschiedlicher Länge verbinden. Deren Oberfläche ist dem in Gehirn und Rückenmark vorkommenden Eiweiß sehr ähnlich. Diese Ähnlichkeit führt zu einer Art Ablenkung Multiple-Sklerose-typischer Immunmoleküle von den Myelinscheiden der Nervenfasern. Gleichzeitig werden bestimmte Zellen des Immunsystems dazu gebracht, ihre gegen das Myelin und somit gegen das Nervengewebe gerichteten Abwehrreaktionen zu senken und schützende Immunmechanismen zu aktivieren.
Die tägliche Gabe von Glatirameracetat verringert die Anzahl der Schübe um ca. ein Drittel. Damit liegt ein wesentlich größerer Zeitraum zwischen dem Auftreten zweier Schübe. Auch die Gewebeschäden im Zentralen Nervensystems, die sich mittels Kernspintomographie nachweisen lassen, werden reduziert.

 

Folgende Tabelle gibt Ihnen einen Überblick über die Basistherapien:

Basistherapie Avonex® Betaferon®
Extavia
®
Rebif® Copaxone®
Wirkstoff Interferon-ß1a Interferon-ß1b Interferon-ß1a Glatirameracetat
Injektionsweise Intramuskulär 1x/Woche Subcutan jeden 2.Tag Subcutan 3x/Woche Subcutan täglich
Häufigste Nebenwirkungen Grippeähnliche Symptome Grippeähnliche Symptome, Hautreaktionen Grippeähnliche Symptome, Hautreaktionen Hautreaktionen, Postinjektionsreaktion
Vorteile Injektion 1x/Woche Aufbewahrung bei Zimmertemperatur möglich Aufbewahrung bei Zimmertemperatur möglich
Zwei Applikations-hilfen: RebiSmart als elektronisches Gerät mit einer Wochen-Patrone oder Rebiject 2 für Einzelspritzen
Tägliche Injektion führt zur Routine, neutralisierende Antikörper sind nicht bekannt
Nachteile Intramuskuläre Injektion, Entwicklung von neutralisierenden Antikörpern möglich Anmischen des Medikaments erforderlich, Entwicklung von neutralisierenden Antikörpern möglich Entwicklung von neutralisierenden Antikörpern möglich Bei Lagerung länger als 30 Tage, muß diese im Kühlschrank erfolgen
 

Nebenwirkungen unter Basistherapien
Im Folgenden sind die häufigsten Nebenwirkungen der einzelnen Basistherapien aufgeführt. Dies soll auf keinen Fall ein Ersatz für einen Termin in unserer Praxis darstellen, sondern Ihnen eine Hilfe sein, das schon Gehörte noch einmal nachzulesen.

Mögliche Hautreaktionen bei Injektion von Betaferon®, Rebif® oder Copaxone®:
Besonders zu Beginn der Behandlung können nach den Injektionen Hautirritationen wie Schwellungen, Rötungen, Juckreiz oder Brennen auftreten. Wird die Basistherapie schon über einen längeren Zeitraum durchgeführt, treten dann eher Verhärtungen oder Gewebeveränderungen (Lipoatrophie) auf.

Bei der Spritzenschulung werden Sie auf die mögliche Hautirritationen hingewiesen. Aufgrund der Fülle der Informationen, die Sie während der Schulung erhalten (von Injektionstechnik bis zum Verhalten bei Flugreisen usw), werden Ihnen ein oder zwei Hautreaktionen und deren Therapiemöglichkeiten besonders erläutert. Da die Haut in regelmäßigen Abständen (z. B. bei Rezeptabholung oder Folgetermin der Spritzenschulung) kontrolliert werden muss, kann dann genauer auf die jeweilig aufgetretenen Nebenwirkungen eingegangen werden. Entsprechende Therapiemöglichkeiten werden Ihnen dann individuell bei Bedarf aufgezeigt.

Vermeidung von Hautreaktionen
Als wichtigen Schritt, diese Nebenwirkungen gering zu halten, sollten Sie unbedingt die Injektionsstellen wechseln. So sollten Sie in einem Zeitraum von sieben bis zehn Tagen nicht zweimal in dieselbe Stelle injizieren. Die Herstellerfirmen haben aus diesem Grund dem Starterpaket ein Injektionstagebuch beigefügt, das Ihnen gerade zu Beginn der Basistherapie helfen soll, dies zu vermeiden. Auch werden wir zusammen mit Ihnen ein „Rotationsprinzip“ erarbeiten, das Ihnen helfen soll, die unterschiedliche Stellen leicht zu finden (z. B. im Uhrzeigersinn).

Treten Verhärtungen unter der Haut auf, darf in diese Stelle erst wieder injiziert werden, wenn diese Verhärtung sich zurückgebildet hat.

Werden die Spritzen im Kühlschrank aufbewahrt, sollte die Spritze vor der Injektion auf Zimmertemperatur angewärmt werden. Dieser Vorgang benötigt ungefähr 20 bis 30 Minuten. Das Aufwärmen der Spritze in der geschlossenen Faust beschleunigt diesen Vorgang. Rötungen oder Juckreiz treten an der Injektionsstelle nicht so häufig auf, wenn das Medikament bei der Injektion Raumtemperatur hat.

An der Kanüle sollten keine Medikamententropfen sein. Das heisst, Sie sollten vor der Injektion gegen die Spritze bzw. den Injektor klopfen, um dadurch Hautirritationen zu vermeiden.

Während der Injektion sollten Sie auf Folgendes achten:

  • Entspannte Körperhaltung
  • Luftblase nicht herausspritzen
  • Trockene Kanüle
  • Injektion im 90°-Winkel
  • Bei Injektion ohne Injektor sollte mit einer schnellen Bewegung gestochen werden und die Kanüle tief eingeführt werden, damit nicht in die oberen Hautschichten injiziert wird. Der Kolben sollte langsam und gleichmäßig heruntergedrückt werden.
  • Mindestens 10 bis 20 Sekunden warten, bevor die Kanüle aus der Haut entfernt wird
Prinzipiell ist eine Desinfektion des zu spritzenden Hautareals nicht erforderlich. Viele Patienten berichten auch, dass eine Desinfektion die Haut eher reize, als dass es gewinnbringend sei. Möchten Sie dennoch vor der Injektion die Haut desinfizieren, müssen Sie darauf achten, dass sich der Alkohol komplett verflüchtigt hat. Das Desinfektionsmittel sollte nicht „weggerieben“ werden.
Bei einigen Auslandsaufenthalten kann aus hygienischen Gründen eine vorangegangene Desinfektion sinnvoll sein.

 

Welche Möglichkeiten gibt es, diese Nebenwirkungen zu behandeln?
Wenn Hautreaktionen aufgetreten sind, werden wir Ihnen Therapiemöglichkeiten zeigen. Dabei ist es ratsam, dies möglichst über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen mit einer Methode zu versuchen, da Patienten individuell unterschiedlich von den Therapieansätzen profitieren.

Zu Beginn der Basistherapie können Sie auf die Verwendung eines Kühlkissens für die erste Woche verzichten, um zu schauen, ob bei Ihnen überhaupt Hautirritationen auftreten. Sollte dies nämlich nicht der Fall sein, braucht der Vorgang der Injektion nicht kompliziert gestaltet werden.

Haben Sie jedoch Rötungen oder Schwellungen der Einstichstelle, bietet die Kühlung des zu injizierenden Hautareals vor und nach der Injektion meist eine Linderung der beschriebenen Reaktionen. Hierzu dient das in der Basisausstattung mitgelieferte Kühlkissen, das im Kühlschrank gelagert werden sollte. Keinesfalls sollten Sie mit Kühlakkus aus dem Gefrierfach arbeiten.

Durch Verwendung eines Injektors werden Hautnebenwirkungen durch die schnelle und gleichmäßige Injektion deutlich herabgesetzt. Der „befürchtete“ Einstich wird mit einem Injektor meist gar nicht wahrgenommen. Außerdem kann hier die Einstichtiefe auch für unterschiedliche Hautbereiche unkompliziert variiert werden.

Anhand der folgenden Tabelle finden Sie eine Übersicht der möglichen Hautreaktionen und deren Therapiemöglichkeiten. Diese Tabelle sollte keinesfalls einen Termin in unserer Praxis ersetzen, falls Ihre Haut auf das Medikament reagiert, sondern eher als „Erinnerungsstütze“ der besprochenen Therapiemöglichkeiten dienen.
 

Hautreaktionen Therapiemöglichkeiten
Rötungen Kühlkissen vor und nach der Injektion nutzen, Arnikasalbe
Schwellungen Kühlkissen, Einstichtiefe nicht tief genug?, sanften Druck auf die Injektionsstelle ausüben (nicht massieren)
Juckreiz, Brennen Antihistaminikum, Schwarzer Tee
Blauer Fleck (Hämatom) Injektion überprüfen (Injektor zu fest aufgesetzt?, Hautfalte zu sehr gedrückt?)
Verhärtungen Arnika-Salbe, Auslassen der Injektionsstelle
Gewebeveränderungen (Lipoatrophie) Rotationsprinzip, Gesäß und Oberarme mit nutzen, lipoatrophische Areale nicht spritzen
Nekrosen Vorstellung beim Arzt

 
Nachdem Sie in unserer Praxis im Umgang mit Ihrer Basistherapie geschult wurden, werden wir nach ca. vier Wochen einen weiteren Termin in unserer Praxis vereinbaren, wo Ihre Spritztechnik erneut überprüft wird.
Auch wird bei diesem Termin Zeit sein, Ihre Haut zu untersuchen, um Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten.

Grippeähnliche Nebenwirkungen unter Basistherapie mit einem Interferon (Avonex®, Betaferon® oder Rebif®)
Die Injektion mit einem Interferon kann nach der Injektion grippeähnliche Symptome auslösen. Diese können gerade in den ersten drei bis sechs Monaten Schüttelfrost, allgemeines Unwohlsein oder Gliederschmerzen sein. Üblicherweise treten diese Nebenwirkungen im Verlauf nicht mehr auf.

Deshalb ist es ratsam Interferone abends vor dem Schlafen zu spritzen. Dadurch werden Sie die meisten Nebenwirkungen verschlafen.

Sollte dies nicht ausreichend sein, hilft z.B. eine Einnahme von Ibuprofen oder Paracetamol vor und nach der Injektion. Prophylaktisch werden wir Ihnen bei der ersten Spritzenschulung ein Rezept über das Medikament ausstellen.

Postinjektionsreaktion unter Basistherapie mit Copaxone®
In sehr seltenen Fällen kann es unmittelbar nach der Injektion von Copaxone® zu einer oder mehreren der folgenden Beschwerden kommen: Hautrötung mit Hitzegefühl, vor allem im oberen Brustbereich, Brustschmerzen, Atemnot, beschleunigter Herzschlag. Meist sind diese Reaktionen von kurzer Dauer (ca. 2 Minuten) und klingen spontan ab.
Falls dies einmal bei Ihnen der Fall sein sollte, versuchen Sie sich zu entspannen und trinken Sie einen Schluck Wasser.
Die Beschwerden werden nach kurzer Zeit abklingen und haben keine gesundheitlichen Folgen.

 

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